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Hazte Dios

Hazte Dios

[…] «Hazte Dios» ist kein ethnografischer Dokumentarfilm. Der Kult ist ausgedacht, um die eigene Glaubenskraft und Kreativität auf die Probe zu stellen. Eine kluge Verführung durch Bild, Idee und Schnitt, der man sich hingegeben hat, weil die Botschaft eine so tröstliche, freudige und egalitäre ist.

[…] Ein mit dem Dokumentarischen kokettierendes, performatives Postulat zur Daseinsberechtigung von Kunst. Ein Kunstfilm nach allen Regeln der Kunst. Keineswegs plump, sondern spannungsgeladen und mitreissend ist dieses Werk.

«Ich werde sie anziehen. Mit etwas Goldenem.» Zärtlich hält eine Frau auf dem Markt eine weisse (und billige) Frauenfigur in den Händen. Sie hat Anima den anderen feilgebotenen Heiligenstatuetten wie Lazarus, Jesus, Maria, Chango oder dem Tod vorgezogen.

Anima ist nicht aus einer Rippe des Mannes gemacht und sie entspringt nicht einem alten Mythos oder Text, sondern einem 3-D-Drucker. Sie ist nackt und weiss, aber nicht weiss wie die Unschuld, sondern eher wie ein unbeschriebenes Blatt. Ihr Attribut ist kein Heiligenschein, kein Kind, sondern ein abstraktes Objekt, das man wie Origami falten kann, das aber auch ein grober Entwurf eines modernistischen Hochhauses sein könnte. Anima steht hinter dem Objekt und hat ihre Hände darübergefaltet. Die kleine Statue verändert sich vorzu: Ihr Gesicht hat indigene Züge, manchmal auch gar keine Konturen, manchmal ist ein Spiegel da, wo das Gesicht sein sollte, oder ihr wurde ein Wolkenberg über das Gesicht gestülpt.

«Erwecke den Macher in uns»

Anima ist die eigentliche Hauptfigur im Film Hazte Dios der französischen Regisseurin und Künstlerin Anne Lise Michoud, der die Kultwerdung Animas in Mexiko behandelt, wo Michoud neben Frankreich lebt und arbeitet. Denn in Mexiko – das macht der Film mit dem Titel «Mach dich zu Gott» deutlich – ist die Religion so wandelbar und vielgestaltig, wie sie im Alltag auf den Strassenmärkten und in den Gottesdiensten präsent ist.

Michoud zeigt, wie die Statue mit einem Krallenmuster dekoriert wird, wie ihr Leute Kronen basteln und wie sie zum seriell hergestellten Kettenanhänger wird. Ein Strassenprediger mit Mikrofon und geschäftigem Impetus – man würde ihm jede Gurkenraspel abkaufen – preist Anima an mit einem fast göttlichen Erlebnis. In einer anderen Szene können alle selbst zu ihr werden, indem man hinter der riesigen Skulptur, die in einem Kirchenschiff steht, sich als Anima positionieren kann. Wieder anderswo ertönt aus einem Lautsprecher auf der Strasse unter der Anima-Figur ein Gebet: «Du, die du erfunden wurdest, wie die Götter erfunden wurden, erwecke den Macher, der in uns allen wohnt. Animiere alle Wesen, deren Geist mit der Transformation der Materie kollaboriert, um Unentdecktes zu ergründen und Neues zu suchen.» Andernorts kann man Anima huldigen, indem man ihr ein Papier als Opfergabe faltet.

«Es lebe die Fiktion»

Schliesslich kulminiert der Kult um Anima, die Heiligenstatue der Kreativität und Kunst, in einer Beichte und einem Umzug, dem «Marsch der Existenz». Spätestens hier wird die Botschaft deutlich: Der Anima-Kult verkündet, dass der Mensch mit seiner Kreativität das Bild Gott geschaffen hat. Das Bild ist wichtiger als das Bildnis. Oder wie es andernorts im Film ketzerisch formuliert wird: «Die Kirche hat Bilder erfunden, um Geld zu sammeln.» Kein Wunder also, sieht der Priester ein Teufelswerk in diesem Kreativitätskult. Währenddessen skandiert der Umzug: «Abstraktion – Rettung vor der Banalität!» Und spätestens beim Transparent «Es lebe die Fiktion» wird man sich der doppelten Verführung bewusst, die die bildende Künstlerin und Regisseurin Michoud hier mit einem betreibt: Hazte Dios ist kein ethnografischer Dokumentarfilm. Der Kult ist ausgedacht, um die eigene Glaubenskraft und Kreativität auf die Probe zu stellen. Eine kluge Verführung durch Bild, Idee und Schnitt, der man sich hingegeben hat, weil die Botschaft eine so tröstliche, freudige und egalitäre ist. Und weil in Mexiko trotz aller Dogmatik ein sehr lebendiger und spielerischer Umgang mit religiösen Objekten zu beobachten ist, war man etwas mehr willens, das alles glauben zu wollen. In Mexiko ist es nämlich kein Problem, dem Totenskelett eine Zigarette als Opfergabe an den Finger zu stecken.

Legitimation der Kunst

Und Hazte Dios ist noch mehr: eine Art Dokumentarfilm über ein sich fortan weiterentwickelndes und veränderndes Kunstprojekt. Ein mit dem Dokumentarischen kokettierendes, performatives Postulat zur Daseinsberechtigung von Kunst. Ein Kunstfilm nach allen Regeln der Kunst. Keineswegs plump, sondern spannungsgeladen und mitreissend ist dieses Werk. Und schliesslich ist es ein Film, der sich mit der starken Legitimation von Kunst an sich in die Lebensgeschichte der Regisseurin einfügt. In ihrem letzten Film Arrête de faire l’artiste ging es darum, sich mit künstlerischen Mitteln von den Erwartungen und Enttäuschungen der Eltern zu lösen. Die Mutter empfiehlt ihr darin nämlich, zu einem Arzt zu gehen, statt Architektur aufzugeben und sich als Künstlerin zu geben. Hazte Dios führt – wenn auch mit anderen stilistischen Mitteln – diese Erzählung weiter. In die Breite nach Mexiko, wo der Film vor allem Leute auf Märkten und in Kirchen zeigt, aber auch in die Tiefe, weil hier die Regisseurin verkündet: Kunst ist meine Religion, mein Daseinszweck.

 

First published: January 29, 2022

Hazte Dios | Film | Anne Lise Michoud | FR-MEX 2020 | 71’ | Solothurner Filmtage 2022

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Anne Lise Michoud’s Website 

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