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Servants

Servants

[…] Opfer und Täter, Priester und Agent, Religion und Staat. In diesem Moment der Geschichte, in der Tschechoslowakei der früher 1980er, sind beide Servants, Diener.

[…] Das im Academy-Format kadrierte Schwarz-Weiss ist ölig, fleischig und lebendig, das Leben darin in katatonische Starre verfallen.

Screenings in Swiss cinema theatres 

Zwei Männer öffnen einen Kofferraum. Ein Güterzug rollt als stummer Zeuge über ihnen durch. Dann wird der leblose Körper aus dem Auto neben die Eisenbahnunterführung gelegt. Es ist die Leiche eines Priesters. Die Männer, die kurz darauf den Tatort verlassen, ihre Schuhe waschen und sich am Morgen im Büro melden, sind von der Staatssicherheit. Der eingeblendete Filmtitel beendet den Prolog, indem er zusammenbringt, was nicht zusammengehört: Opfer und Täter, Priester und Agent, Religion und Staat. In diesem Moment der Geschichte, in der Tschechoslowakei der früher 1980er, sind beide Servants, Diener. Verbrechen und Schizophrenie, die klassischen Topoi des Film noir, sind der Ausgangspunkt dieses Films. Seine Geschichte beginnt 143 Tage vorher: Zwei junge Männer, Juraj (Samuel Skyva) und Michal (Samuel Polakovič), treten einem Priesterseminar bei. Die jugendliche Leichtigkeit, mit der sie ihre Ausbildung antreten, ist bereits von der Zukunft überschattet. Eine Zukunft, die nicht Gott, sondern dem sozialistischen Regime gehört. Wie ein Schleier legt sich sein Einfluss über die Akademie, fängt die Idee der Transzendenz ein und stellt sie in den Dienst der eigenen Ideologie. Juraj Chlpíks Bilder kreisen die unsichtbare Autorität des Regimes ein, offenbaren sie im Atem des korrupten Dekans, der kurz in der frostigen Winterluft steht, und finden sie im Büro des zu Beginn ermordeten Paters Coufar (Vladimír Obsil), wo diejenigen, die ihren Glauben frei auszuüben gedenken, in ein improvisiertes Sprachrohr flüstern müssen, um der Staatssicherheit zu entgehen. Das einzige Gesicht dieser Staatsmacht, Dr. Ivan (Vlad Ivanov), ist zwar äussert effizient darin, Informanten anzuwerben und diejenigen verschwinden zu lassen, die Widerstand organisieren, scheint dabei aber ebenso vom System zersetzt zu werden. Müde und mit Ekzemen übersät, sitzt er vor der Lichttherapielampe. Seine Gegner sind keine Terroristen, keine Faschisten, keine Revolutionäre. Sie sind Gläubige. Ihr Verbrechen besteht aus dem Lesen religiöser Texte und der freien Ausübung der Sakramente.

In einem anonymen Pamphlet beklagen sie die Unterwanderung der Religion durch die Partei und ihre Kollaborateure, die sogenannten Friedenspriester, die sich von 1971 bis zur Samtenen Revolution im Verein «Pacem in terris» organisierten. Mit Auftauchen des Pamphlets sickert auch die Staatssicherheit stärker in die Akademie ein. Das Schweigegebot der Beichte ist zu diesem Zeitpunkt längst gebrochen, das Silentio zum Macht- und Zensurinstrument der «Pacem in terris»-Führungsriege um den Dekan und die Älteren des Seminars geworden. Die Agenda der Parteiführung durchdringt die Christenheit, der Glaube adaptiert den Autoritarismus des Regimes. Die dazugehörigen Bilder sind nihilistische Tableaus einer gespaltenen Kirche. Das im Academy-Format kadrierte Schwarz-Weiss ist ölig, fleischig und lebendig, das Leben darin in katatonische Starre verfallen. Der Glaube entzweit sich in eine aufrichtige und eine staatstragende Form: «Friedenspriester» und «Untergrundkirche». Ein unsichtbar ausgefochtener Glaubenskrieg wird zur religiösen Schizophrenie. Der Glaube wendet sich gegen die Gläubigen.

Selbst die Freizeitaktivitäten erscheinen in dieser psychotischen Welt wahnhaft. Es ist ein wunderschöner, gespenstischer Wahn, der die Kandidaten in Zeitlupe um eine Tischtennisplatte kreisen, auf einem in der völligen Leere des Raumes platzierten Trampolin hüpfen oder Schneebälle auf ihren Soutanen zerplatzen lässt, eine verzweifelte Ersatzhandlung in einer Welt, die nicht mehr transzendent sein darf. Viele Bilder sind direkte Verlängerungen von Ikonen- und Heiligenbildern, die innerhalb der Mauern der Akademie von der Macht des Staates gebunden scheinen. Der Fluchtweg ins Transzendente bleibt versperrt. Das Blut, das im wohl eindrucksvollsten Moment des Films aus einer Matratze tropft, gewährt keine Teilhabe am göttlichen Wesen mehr. Es ist nicht mehr Teil des Sakraments, es ist Teil des realsozialistischen Verbrechens.

First published: December 02, 2021

Servants | Film | Ivan Ostrochovsky | SVK-ROM-CZ-IRL 2020 | 80’

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